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The New York Experience: 1. Woche, 16.07-23.07




Ankunft NYC, 16.07.2006

Meine Bleibe.

Bin heute um 14:35 am JFK Airport angekommen. Begrüsst wurde ich von einer kleinwüchsigen Hexe in Uniform die mit schriller Stimme alle Nicht-Amerikaner an die Schalter mit den langen Schlangen scheucht, während die US-Residents durchgewunken werden. Nach Passkontrolle inlusive Photo und Fingerabdruck geht es mit dem Taxi direkt nach Manhattan. Wenn man über die Queensborough-Bridge nach Downtown reinfährt hat das schon was Beeindruckendes. Die Häuser sind dicht bis zum Rand der Insel gebaut, so dass man das Gefühl hat über die Zugbrücke in eine gigantische mittelalterliche Trutzburg zu fahren.

Das Apartment von innen.

An meiner Wohnung wartet bereits ein Kollege auf mich der mir den Schlüssel überreicht und mich durch die Wohnung führt. Die Lage ist optimal, vielleicht 100 Meter vom Broadway und 200 Meter von meinem Arbeitsplatz. Mein Apartment ist im fünften Stock und es gibt keinen Aufzug - und dieser fünfte Stock ist eigentlich der siebte. Weil in New York jedes Haus mit mehr als fünf Stockwerken per Gesetzbeschluss einen Aufzug haben muss, haben die Architekten hier kräftig geschummelt. Das Erdgeschoss heisst Keller, der erste Stock ist das "Nullte" Stockwerk, tja und meine Wohnung liegt im fünften Stock. "European Floor Numbering" nennen die das, als ob wir in Old Europe so einen Unfug nötig hätten. Wir gehen noch kurz ein wenig um den Campus der Columbia University herum, bevor Bohdan sich verabschiedet. Es ist unglaublich heiss und feucht und ich versuche mich im Schatten von einem Haus zum nächsten zu retten. Das Viertel gefällt mir sehr gut, viele Pubs und Restaurants in denen sich hauptsächlich Studenten tummeln.


Der Broadway zieht sich durch ganz Manhattan.
Ehemalige Bibliothek der Columbia University.




Times Square, 42nd Street

OK, es wird euch sicher überraschen, aber wenn man den grössten Teil seines Lebens im Westerwald zugebracht hat, ist man auf New York nicht optimal vorbereitet. Am Times Square trifft einen am Sonntag Abend die volle Wucht des tourisischen Manhattan. Die 42nd Street ist vollgepflastert mit Musicaltheatern und Kinos, der Kommerz regiert. Im Wesentlichen ist es hier vor allem laut, akustisch und optisch. Aus jedem Geschäft und jeder Bar dröhnt laute Hip-Hop-Musik. Sogar einen Kaffee zu bestellen ist bei der Geräuschkullise schwierig, man schreit sich gegenseitig an.


Times Square.

Interessanter sind da schon die Typen die in der U-Bahn ihrer Profession nachgehen. Um es im Jargon meiner Heimat zu beschreiben: "Hier tummele sich Gestalte, man soll es net für möchlich halte". Solche Apparate gibt es im Westerwald gar nicht, und ich glaube als der liebe Gott den Menschen auf dem Reissbrett hatte, konnte er auch nicht ahnen wie sich das hier entwickeln würde. Ich bin dann tatsächlich einfach einige Zeit durch die U-Bahn Katakomben gelaufen und hab mir die Leute angeguckt, zuerst dominiert Mitleid, aber gerade die Musiker spielen sich hier echt die Seele aus dem Leib. Man bekommt das Gefühl, dass ein paar der Jungs hier im Untergrund genau das tun wofür sie gemacht wurden.










Harlem und Central Park, 18.07.2006

Heute werde ich von der Radioansage geweckt, dass es über 100 Grad Fahrenheit werden wird, na prima. Als erstes muss ich zum Sozialamt um eine Social Security Number zu beantragen. Die zuständige Behörde liegt mitten in Harlem, ich nehme den Bus und nach ein paar Stationen wird mir klar, dass ich hier so bald keinen anderen Weissen mehr zu Gesicht bekomme. Angeblich soll es einiger Stunden Wartezeit bedürfen bis man 'dran kommt auf dem Sozialamt, aber tatsächlich geht alles recht flott und reibungslos.
Harlem.
Und weil es noch früh ist beschliesse ich den Rückweg zu laufen um mir Harlem ein bisschen anzugucken. Ich spiele kurz mit dem Gedanken mir ein paar Goldketten und eine Baggy-Pant zu kaufen um mich als Brother zu verkleiden, erkenne aber doch die Sinnlosigkeit des Unterfangens. Ist aber auch nicht nötig, es scheint sich keiner der Harlemianer (oder heissen die Harlekins?) für den schwitzenden Westerwälder zu interessieren. Es sieht hier teilweise schon etwas runtergekommen aus, aber brennende Mülltonnen finde ich keine. Ich bin etwas entäuscht, hätte gerne einen gescheiten Gospel über 'ner brennenden Mülltonne gesungen.


Uncle Sam needs You!









Nun gut, Harlem soll im Aufwind sein, sogar Bill Clinton hat hier sein neues Büro eröffnet. Trotzdem ist das Viertel noch arm genug, dass viele Schwarze nur die Army als Ausweg sehen, daher lohnt es sich auch hier ein permanentes Rekrutierungsbüro zu unterhalten.
Ich brauche dann doch etwas länger für den Rückweg und freue mich schon auf die Klimaanlage in der Uni.

Gegen Abend fahre ich dann nochmal Downtown, eigentlich möchte ich bis zum Rockefeller Center oder zur Grand Central Station, aber im Bus treffe ich zwei Deutsche die wissen, dass heute abend die New York Philharmoniker ein kostenloses Sinfoniekonzert im Central Park geben, und weil wir da gerade vorbeifahren trotte ich der Menschenmasse hinterher. Die Wiese vor der Bühne ist schon gerammelt voll und als die Philharmoniker gerade mit Beethoven beginnen fallen dicke Regentropfen. Mein knurrender Magen und das Wetter siegen über meine schwindende Kulturbegeisterung und ich "nenne es einen Tag".


Konzert im Central Park.
Klassik bei trübem Wetter.








Joggen in New York City, mehr Mode als Sport, 19.07.2006

Heute muss ich zum ersten mal ernsthaft arbeiten, also verbringe ich den ganzen Tag vor dem Computer um Simulationen und Berechnungen zu machen. Folgerichtig habe ich abends ein ziemliches Bewegungsdefizit, und weil es auch um ein paar Grad abgekuehlt hat wage ich es zum ersten mal Joggen zu gehen. Gleich hinter dem Block an dem ich wohne gibt es den Morningside Park, also werfe ich mich in ein artgerechtes Outfit (Deutschlandtrikot) und renne los. Bin zwar sofort am Schwitzen aber eigentlich läuft der Motor äberraschend gut.


Fitness im Central Park.

Der Morningside Park entpuppt sich allerdings als hässlicher schmaler Streifen der von einer riesigen Mauer umgeben ist, also renne ich Richtung Central Park, der ist schliesslich nur zehn Blocks weit weg. Nach ein paar Minuten bin ich da und reihe mich in die Meute der Jogger, Skater und Radfahrer ein die den Hauptpfad bevölkern. Hier in NY ist wirklich alles übertrieben, der Joggingweg im Central Park würde in Ostdeutschland glatt als Autobahn durchgehen. Sauber getrennt gibt es breite Spuren fürs Radeln, Inlinen und Joggen. Mir fällt sofort positiv auf, dass es keine Stöckchen-Schleuderer oder dergleichen Gesocks gibt, Nordic Walking ist hier wohl nicht angesagt. Vielleicht weil es scheisse aussieht, Aussehen ist hier nämlich wichtig.








Nach einigen Metern lande ich am Reservoir, das ist der grosse Tümpel mit dem Zaun herum den man oft in Filmen sieht. Da sind die Jogger nun unter sich. Nun mal ohne angeben zu wollen: also nett gestylt sind die New Yorker vielleicht, aber die 'ham nix 'druff. Nachdem ich merke wie die Jungs und Mädels hier entlangschleichen löse ich kurz die Handbremse und schwebe graziös an den ganzen Upper-East-Side-Schneckchen vorbei. Komme mir vor wie Michael Schumacher beim Seifenkisten fahren. OK, ich kann noch einen draufsetzen: ich war rund 45 Minuten im Central Park unterwegs, aber überholt hat mich niemand. Ist aber auch kein Wunder, dass die nicht vorwärts kommen bei dem ganzen Gerümpel das die mit sich rumschleppen (Ipods, Pulsuhren, Brustgurte, Schrittzähler, Headsets, Stirnbänder und Telefone).
Nach diesem Erfolgserlebnis beschliesse ich, dass demnächst Fussball spielen angesagt ist. Nach Auskunft eines schottischen Kollegen kann man abends im Riverside Park einfach mitspielen. Da werde ich den Yankees mal zeigen wo der Hammer hängt (was heisst eigentlich Blutgrätsche auf englisch?).

Skyline am Receiving Reservoir.
Am Teich entlang.


Zum Abschluss will ich noch ein Beweisfoto haben, also muss ich jemanden bitten mich zu fotografieren. Ich fürchte nur, dass ich den einzigen schnellen Jogger im ganz New York erwischen könnte und der einfach mit meiner Kamera wegrennt. Also suche ich mir ein ausgepumpt wirkendes weibliches Exemplar. Bei ihr habe ich das Gefühl, dass ich sie in ihrem Zustand auch noch mit vier Promille rückwärts auf allen Vieren einholen könnte, wenn nötig. Sie ist aber sehr hilfsbereit - wahrscheinlich froh eine kurze Pause machen zu können - und macht den gewünschten Schnappschuss. Danach mache ich mich auf den Nachhauseweg und beim Betrachten des Fotos nehme ich mir vor beim nächsten mal langsamer zu laufen und dafür besser auszusehen, "when in Rome ....".

Beweisfoto.
Langsam wird's dunkel..








Chrysler Building, leider nur von aussen.

Clooodia in der Grand Central Station, 20.07.2006

Nach der Arbeit setze ich mich einfach in einen Bus der den Broadway runterfährt weil ich mir denke, dass man dabei besser Sightseeing machen kann als mit der U-Bahn. Als Ziel habe ich mir die Gegend um die Grand Central Station und das Chrysler Building ausgedacht. Allerdings quält der Bus sich dazu tatsächlich über den Times Square wo es nur mit weniger als Schrittgeschwindigkeit vorwärts geht, das nervt ziemlich. Als ich dann an der Ecke 42nd und Lexington aussteige sehe ich vor lauter Hochhäusern die Bäume nicht, oder wie sagt man.

Ich laufe einfach los und frage den nächsten Polizisten nach der Grand Central Station. Peinlicherweise stehe ich praktisch davor, allerdings ist die zwischen den riesigen Gebäuden kaum auszumachen. Sobal man reingeht sieht man aber ein, dass sie ihren Namen doch verdient hat, sehr ausladende und gediegen gestaltete Hallen und zudem ungeheuer sauber der Laden, Respekt. Noch schöner ist, dass eine Halle komplett mit Werbung für Deutschland zugepflastert ist, genauer gesagt mit Postern von Claudia Schiffer in Schwarz-Rot-Gold. "Get your Hands on a German Supermodel", heisst es da. Jaja, die Amis wollen halt nur unser Bestes.




Grand Central Terminal von aussen, ...
... und innen..

Claudia war auch schon da ...


Danach versuche ich noch irgendwie in das Chrysler Building zu kommen,allerdings weiss ich gar nicht ob es für Publikumsverkehr geöffnet ist. Ich renne einfach in jeden Eingang rein, nur um von unwirschen Sicherheitskräften ohne Angabe von Gründen abgewiesen zu werden. Dabei treffe ich einen Leidensgenossen dem es genauso geht, aber auch gemeinsam (und obwohl er Amerikaner ist) können wir den Bodyguards nicht entlocken, ob es überhaupt keinen Eingang gibt, oder was auch immer. Na wartet, denke ich mir, das sag' ich Clooodia, da wird's nix mehr mit dem German Supermodel.

... und da.
... und da ...








Musikalisches New York: Jazz-Clubs und japanische Fledermäuse, 22.07.2006

Am Wochenende habe ich mir eigentlich vorgenommen noch ein paar Touristenziele abzuhaken, schliesslich gibt es da noch genug auf meiner ToDo-Liste. Aber erstmal bin ich mit meinem Gastgeber von der Columbia Uni Freitag abends verabredet um einen Jazz-Club auszuchecken. Er wählt einen Laden in dem die Musik nicht zu laut für Unterhaltungen ist. Auf der Bühne stehen drei Musiker die selbstkomponierte Stücke zum Vortrag bringen; offensichtlich geben sie sich viel Mühe, allein der Funke will nicht überspringen. Wie alle anderen Gäste vertiefen wir uns lieber in unser Gespräch und die Musik wird zur Nebensache, was die drei Musiker beleidigt mit immer längeren Pausen und abgedrehteren Improvisationen (ich weiss ja nicht was ihr von 15-minütigen Drum-Solos haltet ...) quittieren. Nachdem wir unserem 10 Dollar Minimum Genüge getan haben lassen wir die anderen Gäste in ihrem Elend alleine und schlendern noch etwas durch das Viertel in dem ein Musik- und Comedy-Club auf den nächsten folgt.
Eine japanische Meisterklasse singt Strauss.
Aus einem Laden hört man tolle, beschwingte Jazz-Musik, von ganz anderer Qualität als das was wir bisher an diesem Abend haben über uns ergehen lassen, also treten wir kurz ein, und tatsächlich, in diesem sehr stylischen Lokal namens "Smoke" starren alle Gäste gebannt auf einen Kontrabass-Spieler der unglaubliche Töne aus seinem Instrument holt. Leider ist der Laden gerammelt voll und wir werden vom Türsteher darauf aufmerksam gemacht, dass es heute 25 Dollar Eintritt kostet wobei die Vorstellung aber fast vorbei ist, schade eigentlich.

Daniel schläft mittlerweile fast im Stehen ein (ich sach' ja, nix druff die New Yorker), daher trennen sich unsere Wege; aber vorher fragt er mich noch ob ich am nächsten Tag zum Abschlusskonzert einer Opern-Meisterklasse kommen möchte. Ich will mich (noch) nicht als Kulturbanause outen, und weil ich Samstag Nachmittag nix Besseres vorzuweisen habe, sage ich zu. Also erscheine ich am nächsten Tag um 3pm in einer Kirche an der 100sten Ecke Broadway. Es stellt sich heraus, dass die Meisterklasse von einer bekannten japanischen Sopranistin (Mika Shigematsu) geleitet wird, und alle Teilnehmer auch Japanerinnen sind. Es sind nicht so sehr viele Zuschaer da und Daniel stellt mich sofort der Chefin vor; die japanischen Mädels gucken alle rüber und kichern, ich frage mich etwas irritiert für wen sie mich jetzt wohl halten. Jedenfalls ist das Konzert wirklich toll, schon beeindruckend wieviele talentierte Künstler hier auf ihre Chance warten. Das letzte Stück ist aus der Fledermaus von Strauss, und wird auf deutsch gesungen. Am Ende kommt dann die unvermeindliche Frage, die ich schon befürchtet habe, nämlich ob ich den Text gut verstehen konnte. Ich traue mich nicht zu sagen, dass ich Probleme habe sie zu verstehen wenn Sie englisch sprechen, ganz zu schweigen wenn sie versuchen deutsch zu singen.

Der Mann gibt alles, Jazz im Smoke.

Der Westerwald ist überall

Nach dem Konzert verabreden wir uns mit einer der Japanerinnen abends im "Smoke" um noch einmal einen Jazz-Versuch zu unternehmen. Diesmal sind wir sehr viel erfolgreicher, die Musik ist fantastisch und auch das Bier schmeckt gut. Ich fühle mich wie zuhause, weil die Biergläser doch tatsächlich aus dem Westerwald stammen (siehe Beweisfoto)! Das ist für mich natürlich ein innerlicher Reichsparteitag. Nachdem ich heimatliches Steingut schon in London und Paris gesichtet habe ist der Trend nun auch über den grossen Teich geschwappt. An alle Nörgler und Spötter die sich immer mal wieder über den mächtigen Westerwald lustig machen: lasst es euch gesagt sein, ohne den Westerwälder Tonbergbau geht in New York City gar nix! Ich bin so in Hochstimmung, dass ich versucht bin die Jazzer zu fragen, ob sie das Westerwaldlied für mich spielen, kann aber gerade noch an mich halten.

Den Abend beschliesse ich in einem StandUp-Comedy-Club in dem ich mich unvorsichtigerweise als Deutscher zu erkennen gebe. Das hat zur Konsequenz das sämtliche Comedians versuchen ihre Performance mit Deutschland-Witzen aufzupeppen, mit wechselndem Erfolg. Die meisten der Leute die auftreten sind Juden oder behaupten das zumindest, auch wenn sie schwarz sind oder gross und blond oder wieauchimmer (New York halt, angeblich gibt es hier mehr Juden als in Israel). Einer der Jungs fragt während seiner Show ob jemand Leute kennt die Juden hassen; ich rufe dazwischen, dass er bloss nicht mich angucken soll und ernte den besten Lacher des Abends. Jetzt nimmt die Show richtig Fahrt auf und als er von der Bühne geht verabschiedet er sich bei mir mit Handschlag. Ob ich in die Showbranche einsteigen sollte?
Beweisfoto: Westerwälder Biergläser in NYC..



Zuletzt geändert am 26.07.2006 H. Kreckel