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The New York Experience: 2. Woche, 24.07-30.07




Jogging im Central Park, zweiter Akt , 24.07.2006

Zeugnis ehrlicher Arbeit.
Nachdem ich mich letzte Woche noch als unumstrittenen Grosswesir des Central Park ausgerufen habe, musste ich heute einen herben Rückschlag einstecken. Eigentlich fing es programmgemäss an, schwungvoll bin ich von meinem Apartment bis mitten in den Central Park gerannt ohne von einem der zahlreichen New Yorker Leisetreter belästigt zu werden. Doch dann auf Höhe der Museumsmeile naht das Unheil; ich höre schnelle Schritte und spüre fremden Atem in meinem Nacken. Nanu, denke ich streitlustig, will mich da jemand herausfordern. Ich sehe mich kurz um und erkenne einen drahtigen Enddreissiger mit debilem Grinsen und einem New York Marathon T-Shirt. Ha! Das T-Shirt ist bestimmt gelogen, wollen wir doch mal sehen ...

Tja, scheisse, war es nicht. Aber ich will nicht vorgreifen, jedenfalls mache ich noch einen kurzen Schulterblick - um mich zu vergewissern, dass es nicht Dieter Baumann ist, der mich da verfolgt - und forciere das Tempo. Nach 15 Minuten höre ich immer noch deutlich seinen Trippelschritt mit hoher Frequenz hinter mir (Lance Armstrong fährt doch Fahrrad, oder nicht), trotzig renne ich noch ein wenig schneller. Die anderen Schlafwandler auf dem Pfad weichen uns panisch aus und schütteln unverständig die Köpfe über soviel Mangel an Lethargie.
Das hab' ich mir verdient, "Making myself comfortable"..

Zehn Minuten später hat sich meine Lunge in ein japsendes Blutgerinnsel verwandelt und mein Kreislauf beantragt Urlaub. Ich hasse den Typ. Verdammt, Verzweiflung rast durch meinen Kopf, wie komme ich aus der Geschichte nur würdevoll raus? Verletzung vortäuschen? Ellbogen-Check? Zidane? Oder einfach querfeldein abbiegen? Ob mir der Dreckskerl auch über pissende Hunde und schlafende Obdachlose folgt? Da sehe ich hinter der nächsten Kurve einen Trinkwasser-Brunnen vor dem einige Jogger anstehen. Das ist die Lösung! Trinken muss man ja schliesslich, Dehydration ist lebensgefährlich bei diesem Wetter, ehrlich.

Also biege ich beim Brunnen ab und reihe mich schwer keuchend in die Schlange ein. Mein Verfolger rennt weiter, ich versuche uninteressiert in eine andere Richtung zu gucken, könnte aber schwören, dass er noch ein wenig debiler grinst. Der ist bestimmt nur zum Urlaub hier, scheiss Touristen! Der Nachhauseweg ist heute viel länger als beim letzten Mal und die Treppe in den 5. (sprich 7.) Stock nehme ich mit letzter Kraft.
Zuhause wird mir bewusst, dass ich literweise Flüssigkeit und Mineralien verloren habe, also besorge ich mir ein paar isotonische Getränke in Form eines Six-Packs Becks und lasse den Abend ausklingen. Bin schon wieder ganz ruhig. Wenn mir der Typ nochmal begegnet werde ich ihn wortlos umgrätschen.







Columbia University - Mitglied der Ivy League, 26.07.2006

Seit etwa anderthalb Wochen gehe ich nun jeden Tag zur Arbeit in den zwölften Stock des sogenannten Pupin Gebäudes der Columbia University. Immer noch kenne ich mich nicht wirklich aus im Labyrinth der Hochschule und verlaufe mich gelegentlich. Die Universität ist ein zusammenhängendes Monster von riesigen Gebäuden die mit Brücken verbunden sind. Und wegen des Sicherheitswahns der hier überall vorherrscht sind die meisten Tore ständig geschlossen oder nur von innen zu öffnen. Das Haupttor unseres Trakts habe ich noch nie offen gesehen, meist schleicht man sich durch einen Gang im Keller an Mülltonnen vorbei zum Aufzug. So kommt es schon mal vor, dass man sich einige Stockwerke hochkämpft nur um festzustellen, dass die Brücke zum nächsten Gebäude aus unerfindlichen Gründen verrammelt ist. Den sogennanten Campus hat man einfach auf den fünften Stock zwischen den Gebäuden gebaut, inklusive Wiese und Alma-Mater-Statue.

Ich hab's immer gewusst! I'm special!.
Mittlerweile habe ich auch meinen Ausweis in Form einer Scheckkarte bekommen. Ich werde hier als "Special" geführt, das fand ich ganz lustig aber die Dame auf dem Sekretariat hat sich dafür hundertmal entschuldigt. Schliesslich bin ich promoviert, also steht mir doch der Titel "External Research Officer" zu, oder sowas (ich glaube, der ist sogar noch etwas länger). Und wenn meine Social Security Card ankommt, dann bekomme ich selbstverständlich einen neuen Ausweis auf dem ich als "Officer" zu erkennen bin. Ich versuche noch ihr zu erklären, dass ich mit dem "Special" sehr zufrieden bin und mich gar nicht so sehr als "Officer" fühle, aber sie bleibt untröstlich. Ordnung muss schliesslich sein, daher prangt jetzt auch auf meinem Ausweis ein Aufkleber mit den Buchstaben TLX. Dieser Sticker gibt mir die Berechtigung das Fitness Center der Uni zu nutzen, dabei steht T für "Towel" (Handtuch), L für "Locker" (Schliessfach) und wofür das "X" steht hab' ich noch nicht rausgekriegt. Also darf ich mir bei jedem Besuch ein Handtuch nehmen und bekomme ein Schliessfach zur Verfügung gestellt. Und jeder arme Teufel der sich unwissenderweise ein Handtuch schnappt ohne das erforderliche "T" auf seinem Ausweis wird nach guter amerikanischer Sitte erstmal vorläufig erschossen und dann nach seinen Gründen befragt.

Überhaupt das Fitness Center - liegt komplett unterirdisch und ist natürlich voll klimatisiert. Da gibt es einen Basketballplatz, drei Stockwerke mit Geräten, einen kreisförmigen Tunnel als Laufbahn um das Ganze herum, 16 Squash Plätze, zwei Aerobic-Hallen, zwei Saunem und ein Wettkampf-Schwimmbad. Unangenehm fällt mir bei allen sportlichen Aktivitäten im sonst so prüden Amerika auf, dass ältere männliche Fakultätsmitglieder gerne mit freiem Oberkörper zwischen den StudentInnen umherwuseln. Es macht die Sit-Ups nicht unbedingt leichter, wenn man bei jedem Aufbäumen den verschwitzen, behaarten Rücken eines älteren Semesters vor sich sieht. Ich frage mich, ob dafür vielleicht das "X" im Ausweis steht? Berechtigung für oben ohne? Hhmmm, behalte mein T-Shirt trotzdem an.
Basketball Court im unterirdischen Fitness-Tempel der Columbia.

Im Fitness Center mache ich mir auch zum ersten Mal Gedanken über den Begriff "Ivy League", den ich in den letzten Tagen immer wieder unbewusst irgendwo aufgeschnappt habe und der hier nebst den Wappen der Mitglieder über dem Spielfeld prangt. Die "Efeu-Liga" ist ein Sammelbegriff für die renommierten privaten Hochschulen der Nord-Ostküste. Mir war gar nicht bewusst, dass die Columbia dazu gehört (neben Cornell, Dartmouth, Pennsylvania, Harvard, Yale, Brown und Princeton). Allen gemein ist hohes wissenschaftliches Ansehen und horrende Studiengebühren (etwa 40,000$ pro Jahr an der Columbia). Also haben die Studenten entweder reiche Eltern (die meisten) oder sie sind nach ihrem Abschluss erstmal hoch verschuldet. Jetzt verstehe ich auch die vielen Stretch-Limousinen und Anzugträger die an Sonntagen neben dem Campus zu finden sind. Das sind wohlhabende Papis und Mamis die sichergehen wollen, dass ihre vielen Dollars auch gut angelegt sind.






Besuch am Wochenende.

Universitäten wie Columbia und Harvard bewegen sich ausserhalb des Rahmens der in irgendeinem anderen Land dieser Welt vorstellbar ist. So ist der jährliche Etat von Harvard in der gleichen Grössenordnung wie der der gesamten Max-Planck-Gesellschaft (mit ca. 80 Instituten). In diesem Zusammenhang tappen alle unsere Politiker, die davon reden Elite-Universtäteten zu gründen - nach dem Vorbild der US-Speerspizten wie Princeton und Harvard - völlig im Dunkeln. Eine Handvoll von Unis mit ähnlichen Ansprüchen wie diese Läden würde unseren gesamten Forschungshaushalt sprengen. Andererseits, muss ich mit meiner bescheidenen Erfahrung sagen, kochen die auch nur mit Wasser, und wenn man den wissenschaftlichen Ertrag von deutschen und amerikanischen Forschungseinrichtungen mit dem finanziellen Aufwand vergleicht, würde ich sagen stehen wir verdammt gut da. Es zahlt sich nicht wirklich aus vor allem reiche Leute auszubilden, wenn man Wissenschaft auf höchstem Level betreiben will. George W. Bush hat auch in Yale studiert. Soviel dazu.










New Yorker Nightlife: von Schwulenbars und Koraoke Partys, 30.07.2006

Empire State Building.
Am Freitag abend haben wir unter Kollegen den Plan gefasst nun endlich unsere touristische Pflicht zu tun und das Empire State Building zu erklimmen. Was King Kong kann, können wir schon lange. Nachts soll der Blick über Manhattan auch sehr eindrucksvoll sein, also treffen wir uns zu viert (zwei Kollegen, eine Ehefrau) um etwa halb neun vor der Lobby des Empire State Building (von nun an ESB). Schilder am Eingang besagen, dass die Sichtweite 20 Meilen beträgt während man mit 20-40 Minuten Wartezeit rechnen muss. OK, natürlich laufen wir nicht hoch, sondern nehmen den Lift, aber vor das Litfahren hat der liebe Gott das Schlange stehen gesetzt und der Amerikaner hat die Sicherheitskontrollen hinzugefügt. So werden wir ähnlich wie in einem Vergnügungspark immer wieder um die Kurve geschickt, durch einen Metalldetektor geschleust und mit haufenweise sinnfreier Werbung anderer kostspieliger Attraktionen beschallt. Von wegen 20-40 Minuten, so lange brauchen wir alleine um bis zur Sicherheitskontrolle vorzudringen. Jetzt weiss ich auch warum King Kong aussen herum gegangen ist, ich werde auch schon ungeduldig.

Tja, die New Yorker haben halt Angst um ihr ESB, nach dem Fall des World Trade Centers ist es das höchste Gebäude in New York (443.2m laut offizieller Homepage) und wenn das auch noch kaputt ginge, dann käme das Chrysler Building, und auf das kann man ja nicht so einfach hoch (siehe letzte Woche, 20.07.). Nun gut, also nach deutlich mehr als 40 Minuten werden wir alle in einen Fahrstuhl gepfercht und zum 80. Stockwerk befördert. Endlich, aber leider sind wir immer noch nicht am Ziel, hier kann man nur Souvenirs kaufen und wir müssen erneut anstehen um weitere sechs Stockwerke bis zur Aussichtsplattform zu fahren. Wenn man noch mehr Geld als die schon stattlichen 15$ ausgibt, die wir angelegt haben, kann man sogar noch ein paar Stockwerke höher fahren, steht dann aber hinter kleinen Fenstern.






Blick über das nächtliche Manhattan.

So dürfen wir dann endlich die Freiluftplattform im 86. Stock (in 380m Höhe, oder so) betreten und die Sicht über den illuminierten Big Apple geniessen. Zunächst: Manhattan ist wirklich eine Insel, so recht wollte ich das nie glauben, aber ich bin ja lernfähig. Von hier oben sehen die ganzen gewaltigen Gebäude ringsum plötzlich nicht mehr so gross aus, gehen in dem Wald von Wolkenkratzern unter. Die Sicht ist wirklich ausgezeichnet, man sieht die anderen Stadtteile von New York die von Manhattan durch den Hudson River getrennt sind und einen Teil von New Jersey. Die meisten der vielen Brücken nach Manhattan sind beleuchtet und erleichtern die Orientierung. Es liegt ein allgegenwärtiges tiefes Brummen in der Luft und wir fragen uns ob das die Klimaanlage des ESB ist oder die Summe der New Yorker Klimaanlagen, die wir da hören. Ich mache ungefähr 150 Fotos von denen 134 sich als unscharf herausstellen, aber wofür hat man denn so eine Digitalkamera. Nachdem wir uns satt gesehen haben fahren wir wieder nach unten und die beiden Eheleute verabschieden sich, weil sie noch eine längere Zugfahrt vor sich haben.


Mit der falschen Tür ins Haus gefallen

Nun sind wir noch zu zweit und beschliessen noch ein- zwei Bierchen zu trinken und fahren dazu mit dem Taxi in ein belebtes Viertel etwas weiter südlich. Hier sind die Strassen voller Menschen und ein Nachtclub reiht sich an den nächsten, vor vielen stehen lange Schlangen von Leuten die Einlass begehren. Wir finden einen Club vor dem nur wenige Menschen warten und aus dem Live-Musik dröhnt. Wir müssen 5$ Eintritt bezahlen, kommen dafür aber fast sofort 'rein. Auf der Bühne steht eine Band die eine Mischung aus Rap und Rock spielt und alle Gäste in der Bar (die vornehmlich schwarz und muskelbepackt sind) scheinen die Songs zu kennen. Der Haken ist nur, nach zwei Songs gehen die Musiker von der Bühne und ein DJ beginnt seltsames Zeugs aufzulegen. Na klasse, das war schonmal nix. Also gehen wir und suchen eine andere Bar, in die wir ohne langes Warten reinkommen. Wir finden einen Laden mit Musik und Live-Comedy und treten ein. Na ja, nach einigen Minuten wird mir klar, dass wir hier in einer Schwulen- und Lesbenbar gelandet sind, aber die Comedy ist in Ordnung und das Bier ist kalt. Als ich das zweite Bier bestelle sage ich zu meinem Kollegen, dass der Laden eigentlich ganz entspannt ist für eine Schwulenbar, und er fällt aus allen Wolken und glaubt mir nicht, dass es sich hier um eine gleichgeschlechtliche Begegnungsstätte handelt. Dabei ist der Schuppen so warm, dass man ihn wahrscheinlich vom Mond aus mit einer Infrarotkamera sehen kann. Hier ein paar dezente Hinweise: Na gut, das überzeugt ihn dann und jetzt habe ich das Gefühl, dass er doch etwas unentspannt an seinem Bier arbeitet. Also bleiben wir nicht mehr lange und treten mit der U-Bahn, die hier übrigens die ganze Nacht hindurch fährt, den Nachhauseweg an.

Karaoke-Desaster

Ort des Unheils: Karaoke Bar.

Für den nächsten Abend hat unser Chef alle Gruppenmitglieder eingeladen zur Geburtstagsparty einer Freundin. Und diese Party steigt in einem Karaoke-Club. Oha, denke ich mir, das kann nicht gut ausgehen. Wir betreten um 22:30 ein japanisches Lokal in dem ein separater Raum für unsere Gruppe reserviert ist. Die Gastgeberin ist noch nicht da, aber mit ihrer Geburtstagsgesellschaft gerade unterwegs zu uns. Auf dem Tisch liegen bereits Telefonbuch-dicke Verzeichnisse aller verfügbaren Songs. Wir blättern schonmal darin, um uns auf den schlimmsten Fall vorzubereiten, ich spüre, dass ich Alkohol brauche.

Dann trifft das Geburtstagskind nebst Freundeskreis ein und nachdem man sich gegenseitig vorgestellt hat wird sogleich losgelegt. Zur Einstimmung ein paar Songs die jeder mitsingen kann, ein paar der Gäste scheinen Karaoke-Veteranen zu sein. Doch dann werden wir immer wieder bedrängt zum Mikro zu greifen. Und als ich abwehre mit der Bemerkung, dass man in Deutschland immer nur "Take me home, Country Roads" singt, ist es passiert. Ich gebe mein Bestes und kämpfe mich durch den Song, leider gibt es ein zweites Mikrofon und ein anderer Gast will mitmachen, das Gesamtbild ist verheerend. Trotzdem gibt es Applaus und ich spüre, dass ich mehr Alkohol brauche. Das Niveau sinkt jetzt bedenklich und die Hemmungen gehen über Bord. Mit einem deutschen Kollegen verunstalte ich noch gemeinsam einen Queen-Song (Sorry, Freddie) und wir lassen uns fast dazu hinreissen "Moskau" von Dschingis Khan zu intonieren .... aber ... soviel Alkohol gibt es gar nicht! (der Song taucht doch tatsächlich in der philipinischen Version des Verzeichnisses auf, die Band heisst dort allerdings Genghis Khan). Nun löst sich die Gesellschaft auch schon langsam auf. Wieder gehe ich gemeinsam mit dem besagten Kollegen noch ein Bierchen trinken. Wir geraten in eine sehr hippe Yuppi-Bar in der wirklich ausserordentlich viele hübsche Frauen in beeindruckender Abendgarderobe abfeiern und ich habe das Gefühl, dass ihm das langsam über die Schwulenbar hinweg hilft.


Zuletzt geändert am 03.08.2006 H. Kreckel