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The New York Experience: 3. Woche, 31.07-06.08




Kulinarisches New York, gelebtes Multi-Kulti, 02.08.2006

Seit ich hier angekommen bin gehen ich mittags mit 2-6 Kollegen essen,und je nachdem wer gerade Hunger hat nochmal abends. Wir haben es uns zur Maxime gemacht jeden Tag einen neuen Laden auszuprobieren und kein Lokal zweimal aufzusuchen. Das ist bisher ganz problemlos gelaufen, weil der Broadway mit Restaurants vollgepflastert ist. In New York soll es über 10000 Restaurants geben, wenn man die alle ausprobieren will braucht man etwa zehn Jahre bei drei Mahlzeiten pro Tag. So habe ich bisher amerikanisch, frranzösisch, indisch, italienisch, griechisch, thai, chinesisch, peruanisch, mexikanisch, äthiopisch (ja, wirklich. Und, ja, die Speisekarte beim Äthiopier war wirklich sehr kurz und die Portionen waren tatsächlich sehr klein) und sogar japanisch gegessen (vor japanisch habe ich mich lange gedrückt, Angst vor Fisch).

Äthiopisch und indisch,
italienisch,
und amerikanisch.

Dabei ist es in New York immer sehr wichtig, dass nicht nur das Essen gut ist, sondern vor allem der "Service" muss stimmen. Soll bedeuten, wenn die Kellner nicht scheissefreundlich sind, geht man da nie wieder hin. Von dieser Regel gibt es ein paar seltsame Ausnahmen, da gibt es eine Pizzeria in der einen die Kellner schonmal 1 Stunde lang nicht beachten, auch wenn man durch Winken oder Tuba spielen versucht auf sich aufmerksam zu machen, und der Laden ist mittags immer gut besucht. Na ja, das Essen ist dafür ganz gut. Noch befremdlicher muten einem da schon die Verhältnisse im berühmten Tom's Restaurant am Broadway Ecke 112te an. Das ist das Lokal das schon Suzanne Vega besungen hat ("Tom's Diner") und das in nahezu allen Seinfeld-Folgen auftaucht, da aus rechtlichen Gründen später aber "Monk's" heisst. Das Lokal liegt ganz in der Nähe der Uni und man geht recht oft 'dran vorbei, aber warum es so bekannt ist weiss niemand genau, ist ein eher hässlicher Eckbau. Das Essen soll das fettigste und schlechteste sein das Manhattan je erlebt hat (meine Kollegen weigern sich auch nur in die Nähe zu gehen). Dafür sind die Angestellten betont unfreundlich und laut Internet-Berichten wurde dort schon mancher Gast von der gesammelten Belegschaft angeschnauzt wenn er die Tür nicht schnell genug geschlossen hat.

Der legendäre Suppen-Nazi.
Tom's Restaurant.

Legendär in dieser Hinsicht ist der sogenannte Original Soupman, das ist ein Iraner der für seine exquisiten Suppen bekannt wurde und folglich mit langen Schlangen vor seinem kleinen Laden zu kämpfen hatte. Daher bestand er darauf, dass die Kunden bei Abfertigung seine kostbare Zeit nicht verschwenden und nur die Suppe nehmen und das Geld abgezählt bereit halten. Sein diktatorisches Benehmen wurde in der wohl bekanntesten Seinfeld-Folge mit dem Titel "Der Suppen-Nazi" (No soup for you!) verewigt. Laut Wikipedia wird das Schlüsselsystem im Windows XP Service Pack 2 inoffiziell bei Microsoft als "Soup Nazi" geführt.

Eine günstige Alternative zum Restaurant stellen die "Mobile Vendors" dar, kleine Wagen auf denen wirklich alles feilgeboten, gebrutzelt, fritiert und gebraten wird. Der gemeine New Yorker isst und kauft gerne auf der Strasse, weil Zeit hat ja niemand. Die Funktionalität dieser Buden ist schon faszinierend, manche der fliegenden Köche bereiten eine Unzahl von verschiedenen Gerichten auf Briefmarken-grossen Herdplatten zu.

Von Kebap, über Gemüse,
in New York gibt es alles auf der Strasse.


Schwieriger gestaltet sich da schon das Einkaufen von Lebensmitteln. Da ich hier kein Auto habe und die Beute immer selbst nachhause tragen muss, suche ich meist den nächsten Supermarkt in Harlem auf. Und das ist so eine Sache. Zum einen kann ich mich einfach nicht 'dran gewöhnen, dass es in allen Lebensmittelläden hier riecht wie in einem türkischen Männerbad nach einem langen Tag, ausserdem ist es immer noch befremdlich dass hier die Lebensmittel in allen Regenbogenfarben glitzern und leuchten. Bin ich der einzige der blaue Brötchen komisch findet? Überhaupt Brot, das geht ja bekanntermassen hier gar nicht. Mittlerweile sehen die meisten Brote hier wie ein echter Vollkorn-Laib aus, haben aber die Konsistenz von Schaumstoff. Das ist für den Transport ganz praktisch, so ein Ami-Brot kann man locker mal in die Hosentasche knäulen und wenn man es wieder rausholt flutscht es innerhalb von zwei Sekunden in die vorherige Form zurück. Dafür kann man es zwei Wochen bei praller Hitze rumliegen lassen und es passiert gar nix. Schimmel hat halt auch seinen Stolz. Das geht auch mit den Tomaten, hab' mich schon gefragt ob die nach holländischem Rezept angefertigt werden. Aber irgendwie findet man dann nach einiger Suche doch ein paar handfeste Nahrungsmittel zwischen den ganzen Low-Carb und No-Fat Produkten. So, zum Abschluss möchte ich noch festhalten, dass ich in den 2.5 Wochen noch kein einziges Mal bei McDonalds, Burger King, Wendys, Taco Bell, KFC, etc. war. Es geht wirklich! I'm living the dream!






Welcome to the heat, 03.08.2006

"Welcome to the heat!", das war der Satz mit dem mich mein Gastgeber hier empfangen hat. In meinem Reiseführer steht zu New York im Juli: "die Stadt verwandelt sich in die Vorhölle". In der Tat sind die Bedingungen im Moment schon extrem, es herrschen zeitweise über 100 Grad Fahrenheit (38 Celsius), aber durch die hohe Luftfeuchtigkeit sind es gefühlt weit über 40 Grad. Man sieht zunehmend Leute mit feuchten Handtüchern und aufgespannten Regenschirmen gegen die Sonne auf der Strasse. Nimmt man ein kaltes Getränk mit ins Freie, kann man zuschauen wie in Sekundenschnelle fette Wassertropfen auf der Flasche kondensieren. Die Universität verschickt Rundmails wie man sich zu verhalten hat, und vor zu grosser Anstrengung wird natürlich gewarnt. Gestern wollte ich meine Runde im Central Park drehen, aber als ich das gegenüber meinen Kollegen erwähnt habe, wollten die mich für verrückt erklären lassen. Ich habe zwar versucht zu argumentieren, dass ich mit der Hitze schon zurecht komme, weil ich als gebürtiger Westerwälder ja ein eher südländischer Typ bin, wurde dafür aber nur ausgelacht. Hab' dann davon Abstand genommen, den Kollegen zuliebe.

Ausserdem begleitet einen hier ständig die Furcht vor einem Stromausfall (wegen der Klimaanlagen), denn die mächtigste Nation der Welt schafft es gerade in ihren reichen Metropolregionen in New York und Kalifornien nicht für eine vernünftige Stromversorgung zu sorgen. Schon putzig, ständig liest man Aufforderungen das Licht nicht anzulassen und an den letzten Abenden wurden symbolisch die Beleuchtungen des ESB und des Chrysler Buildings abgeschaltet. Pepsi Cola reagierte darauf mit der Pressemitteilung eines ihrer grössten Werbescreens ein wenig zu dimmen.
So, das muss für heute reichen, bin mit Schwitzen beschäftigt, ausserdem überlege ich, ob ich noch Kerzen kaufen soll, man weiss ja nie.






Ausflug in die Bronx: It's a jungle out there, 06.08.2006

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem New York-erfahrenen Bekannten vor meinem Flug, in dem er mir anriet einmal alleine in den Stadtteil Bronx zu fahren, wenn ich mir mal richtig in die Hose machen will. Mittlerweile gilt New York ja als sehr viel sicherer als noch vor einigen Jahren und es gibt nur wenige Gegenden die man abends meiden sollte, die Bronx gehört sicher dazu.
Trotzdem haben wir am Sonntag einen Trip in den Stadtteil gemacht der als die Wiege des Hip-Hop gilt um uns das wilde Leben dort anzusehen, genauer gesagt das Tierreich im "Bronx Zoo", das ist der grösste Zoo der Welt und er liegt halt mitten drin in der Bronx. Wir haben uns zu viert morgens an einem der Eingänge verabredet, also muss ich erst mit dem Bus quer durch Harlem und dann in die Subway 5 Richtung Norden. Nach 20 Minuten steige ich an einem recht verwahrlosten Bahnhof aus und stelle fest, dass ich natürlich die Karte vergessen habe. Also frage ich eine Asiatin die dort auf den Zug wartet nach dem Weg. Die versteht mich gar nicht, klasse; da wären noch ein paar junge Schwarze die in Rapper-Klamotten an einem Treppenabsatz rumlungern. Hhmmm, ob es wirklich eine gute Idee ist die Jungs in voller Touri-Montur nach dem Weg zu fragen? Entscheide mich dagegen und trotte einfach los. Nach zwei Blöcken sieht es überhaupt nicht nach Zoo aus, also frage ich einen älteren Herren der mir entgegenkommt nach dem Weg. Der scheint erstmal voll erschrocken zu sein, gibt mir dann aber freundlich Auskunft und nach fünf Minuten Fussmarsch in die richtige Richtung stehe ich vor dem Zoo.


Da geht's lang.
So siehts aus in der Bronx.


Das All-Inclusive Ticket mit sämtlichen Bahnen und Attraktionen kostet saftige 25$, aber was soll's. Am Eingang stehen zwei gelangweilte Karten-Kontrolleure die nichts Besseres zu tun haben als die gerade erworbenen Tickets in einen Automaten zu stecken und einem mit monotoner Stimme einen schönen Tag zu wünschen. Wenn wir solche Jobs in Deutschland hätten, wäre Arbeitslosigkeit nicht mehr unser Problem, denke ich mir. Dafür verdient man bei einer solchen Arbeit allerdings nur wenige Dollar die Stunde, und die meisten einfachen Arbeiter haben mindestens zwei Jobs um ihre Miete zahlen zu können.
Der Zoo bietet auf grosser Fläche alles was man so erwartet, grosse Viecher, kleine Viecher; der Eindruck ist etwas gemischt. Während einige Tiere wirklich schöne grosse Gehege mit Rückzugsmöglichkeiten haben sind andere Arten (wie Elefanten und Nashörner) in winzige Gehege gezwängt und tuen einem nur leid. Viele Tiere scheinen auch unter der Hitze zu leiden und liegen nur faul herum. Den ganzen Zoo schafft man an einem Tag nicht, nach einigen Stunden haben wir genug und treten den Heimweg an.


Nicht jedem bekommt amerikanisches Essen.
Auf den Gorilla-Nachwuchs ist man stolz.

Ich drehe abends noch meine Runde im Central Park und danach habe ich mir vorgenommen meine Wäsche zu waschen. Ein Amerikaner hat mir vor kurzem gesagt, dass es in den USA das Vorurteil gebe, dass Europäer es nicht so mit der Hygiene haben und weniger oft Wäsche und sich selbst waschen. Da hätte ich fast laut loslachen müssen, denn, na ja, man hat hier nicht unbedingt das Gefühl dass man sich im Mekka der Reinlichkeit befindet. Die Waschmaschinen die sich im Keller unseres Gebäudes befinden erinnern mich sehr an eine alte Schleuder die sich im Besitz meiner Oma befand. Man wirft zwei Quarter Dollar ein und nach 24 Minuten ist die Wäsche fertig. Zumindest ist sie dann nass. Die Trockner funktionieren nach dem Zufallsprinzip, an manchen Tagen brauchen sie 30 Minuten und die Wäsche kommt superheiss und eine Kleidergrösse kleiner raus, an anderen Tagen dauert das gleiche Programm 98 Minuten, dafür ist die Wäsche dann allerdings nicht wirklich trocken. Im Vergleich mit einem neuen deutschen Waschvollautomaten schneiden diese Dinger ab wie ein Dreirad gegen ein Raumschiff.

Trotz der vielen Meldungen in den deutschen Medien musste Manhattan noch keinen einizgen Stromausfall vermelden, nur flackert mittlerweile das Licht in meiner Wohnung wenn die Klimaanlage anläuft. Abends schaue ich immer etwas ängstlich aus dem Fenster wenn ich das Ding einschalte, weil ich befürchte, dass auf der ganzen Insel schlagartig die Beleuchtung ausgeht. Könnte ich dann aber nix dafür, ohne Klimaanlage geht gar nicht.


Zuletzt geändert am 17.08.2006 H. Kreckel