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The New York Experience: 4. Woche, 07.08-13.08




Erster Fussball-Versuch, leider vergeblich, 09.08.2006

Schon seit Tagen hoffe ich darauf endlich mal wieder die Sau 'raus lassen zu können und ein gepflegtes Fussball-Spielchen zu wagen. Und heute abend sollte es soweit sein, Freies Spiel im Fitness Center. Eines vorneweg: ich weigere mich Fussball als "Soccer" zu bezeichnen. Was'n das für'n Wort? Wo kommt denn das her? Die Engländer spielen ja nun schon ziemlich lange (wenn auch erfolglos) Fussball, und die sagen selbstverständlich "Football" dazu, oder hat schonmal jemand einen Engländer singen hören "it's coming home, it's coming home, SOCCER is coming home"? Geht gar nicht. Und wenn die mich tausendmal falsch verstehen, ich bleibe bei "Football".
Also, ich war schon etwas gespannt wie das aussehen würde, Fussball im Land der unbegrenzten Möglichkeiten; tragen die dabei ihre lustigen Rüstungen? Bringt man vielleicht Baseballschläger mit? Muss man vorher die Nationalhymne singen? Und ob es auch Cheerleader gibt? Um 6:30 pm treffe ich mich mit meinem schottischen Kollegen im Fitness Center (Schotten sind in Ordnung, die sagen auch "Football"). Draussen ist zwar herrlichstes Sommerwetter, aber da gibt es ja keine Klimaanlage.

Tja, und dann kommt die Ernüchterung, es sind nur vier Männlein da und Ball gibt es gar keinen. Hhmmpff, man versichert mir, dass das während des Semester ganz anders aussieht, aber das nützt mir jetzt auch nix. Wahrscheinlich haben die alle Angst bekommen, dabei habe ich sogar darauf verzichtet mein HSV-Shirt anzuziehen, will sie ja nicht gleich einschüchtern. Wir gehen noch zu Fuss in den Riverside Park, weil man da Mittwochs angeblich auch manchmal mitspielen kann, aber da finden wir nur ein kleines Feld, das sich schon vier vornehmlich spanisch sprechende Mannschaften teilen die zur Hälfte aus Kindern bestehen, das hat auch nicht viel Sinn. Wir wechseln noch ein paar Worte, dabei erfahre ich, dass die offizielle "Soccer"-Mannschaft der Columbia letztes Jahr kein einziges Spiel gewonnen hat. Da bin ich hier wohl genau richtig. OK, nächste Woche werde ich es wieder versuchen, diesmal sollen per Email mehr Leute verständigt werden. Schaun' mer mal, oder um es mit Lothar Matthäus zu sagen, der ja auch schon hier in New York sein Unwesen getrieben hat "I hope we have a little bit lucky".






Ronaldinho in New Jersey, 13.08.2006

Nachdem ich letzte Woche selbst nicht zum Fussball spielen gekommen bin, kam ich am Wochenende wenigstens als Zuschauer auf meine Kosten. Fast alle namhaften europäischen Vereine haben dieses Jahr einen Abstecher in Fussball-Entwicklungsländer gemacht um etwas Geld zu verdienen und das Marketing dort anzukurbeln. Und den FC Barcelona hat es nach New York verschlagen. Am Samstag abend ist also ein Spiel gegen Red Bull New York angesetzt, im Stadion in New Jersey das hauptsächlich für die Spiele der Giants, des bekanntesten New Yorker American Football Teams bekannt ist. Mein schottischer Kollege hat bereits eine Karte von einem Freund geeerbt, also muss ich mir selbst noch kurzfristig ein Ticket übers Internet besorgen. Gar nicht so einfach, denn obwohl das Stadion fast 80000 Sitzplätze hat, sind nur noch wenige Karten zu haben. Der FC Barcelona und Ronaldinho sind mittlerweile sogar hier bekannt, vor allem natürlich unter den vielen Hispancis und Europäern in New York.

Alles so schön bunt hier.
Giants Stadium.

Das Stadion in New Jersey ist nur mit einem extra eingerichteten Bus-Service zu erreichen und als wir zu viert im Port Authority Terminal ankommen erwartet uns eine kilometerlange Schlange. Offenbar haben die Organisatoren den Andrang völlig unterschätzt. Ein Red Bull Fan verwickelt mich in ein Gespräch und erklärt mir, dass bei Spielen der Giants die Busse praktisch nicht genutzt werden, weil der gemeine American Football Fan öffentliche Verkehrsmittel meidet und mit seinem SUV nebst eigenem Grill anreist. Glücklicherweise sind wir früh genug aufgebrochen und erreichen gerade noch rechtzeitig das Stadion. Mit einer langen Rolltreppe werden die Zuschaer bis in die oberste Etage der riesigen Beton-Schüssel geschaufelt, weil der gemeine American Football Fan läuft nicht gerne Treppen. Die schlechte Organisation hat allerdings zur Folge dass - obwohl alle Tickets verkauft wurden - die Ränge beim Anpfiff noch halb leer sind, tatsächlich füllt sich der Laden erst zur zweiten Halbzeit eingermassen, die letzten Zuschauer kommen fünf Minuten vor Spielende an. Mir aber egal, ich sitze ganz gut; wenn da nur nicht hinter mir ein fetter Typ in einem Bayern Münchden Trikot sitzen würde der das ganze Spiel lautstark auf spanisch kommentiert während er gefährlich mit mehreren Hot Dogs, Chipstüten und einem Kanister Cola jongliert. Die meiste Zeit brüllt er mir "Eto'oooo" ins Ohr, auch wenn der gerade gar nicht in Ballnähe ist.

Die Stars stehen Spalier.
Grosse Schüssel ohne Dach.

Das Spiel lässt sich ganz munter an, Barcelona hat wirklich sämtliche Stars im Aufgebot und Ronaldinho wird bei jedem Ballkontakt bejubelt. In der zwölften Minute weiss sich ein Verteidiger der Red Bulls nur mit einem Foul zu helfen, es gibt Elfmeter. Die Hispancis sind begeistert und schreien wild durcheinander. Ronaldinho tritt an - während La Ola durchs immer noch halb leere Stadion rollt - und verwandelt sicher, von hinter mir dröhnt der dicke Bayern Fan unsinnigerweise "Eto'oooooooo!". Na klasse, denke ich mir, sogar in den USA haben die Bayern Anhänger keine Ahnung von Fussball. Danach plätschert das Spiel so vor sich hin bis Ronaldinho fahrlässig den Ball in der eigenen Hälfte verliert und ausgerechnet der 37 Jahre alte Youri Djorkaeff (französischer Weltmeister von ' 98) der bei den Red Bulls auf ein neues Hüftgelenk spart den Ausgleich erzielt. Mit 1:1 geht es in die Pause die die meisten Zuschauer nutzen um neue Berge von Futter und Cola anzuschleppen. Jetzt spricht die dicke Nervensäge hinter mir doch plötzlich englisch und erklärt einigen armen amerikanischen Kindern, dass der neue Spieler mit der Nummer 7 der gerade für Barcelona den Platz betritt der Portugiese Deco sei, der beste Spieler der vergangenen Weltmeisterschaft. Allein, Deco ist gebürtiger Brasilianer, 1.60 m hoch und noch gar nicht auf dem Platz; während der blonde Hühne mit der Nummer 7 Gudjohnson heisst und aus Island stammt. Jetzt muss ich einschreiten, ich erkläre den Kindern was Sache ist und ein Amerikaner fragt mich, ob ich aus Jersey sei. Nee, aus Deutschland, sage ich und höre wie um mich ehrführchtig der Name Klinsmann geflüstert wird. Jetzt ist der dicke Dummschwätzer im Bayern Shirt abgemeldet und schmollt; für den Rest der Partie versuche ich den Amis einige Grundkenntnisse in Sachen "Soccer" zu vermitteln, man tut halt was man kann.

Ronaldinho beim Elfmeter.
In der Zwischenzeit wurde der Jungstar Lionel Messi eingewechstelt und der Typ reisst das ganze Spiel an sich. Ich habe noch nie jemanden gesehen der so wieselflink mit dem Ball unterwegs ist, jetzt kann ich mir auch denken warum Barcelona seine Ablösesumme auf 150 Millionen festgesetzt hat, das neunzehnjährige Bürschlein spielt Ronaldinho innerhalb von fünf Minuten an die Wand. Ich ertappe mich dabei wie ich selbst den Atem anhalte wenn er den Ball bekommt und das ganze Stadion brüllt schon Messi-Sprechchöre, unglaublich. Er legt kurzerhand ein Tor auf, schiesst eines selbst und spielt eine hochkarätige Chance nach der anderen heraus, die seine Kollegen allerdings leichtfertig vergeben. Die Verteidiger der Red Bulls wissen wahrscheinlich bis heute nicht wer oder was da über sie gekommen ist. Letztendlich geht das Spiel 4:1 aus, und ich bin zufrieden.
Auch wenn es noch einmal 2 Stunden dauert bis wir endlich im Bus zurück nach Manhattan sitzen, es hat sich gelohnt. Messi hat in einer Halbzeit demonstriert was man mit einem Fussball so anstellen kann, wenn man keinen Krach mit dem Spielgerät hat. Vielleicht kriege ich sowas live nie wieder zu sehen, ist nur peinlich, dass ich dafür ausgerechnet in die USA fliegen musste; wieauchimmer.


Zuletzt geändert am 27.08.2006 H. Kreckel