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The New York Experience: 5. Woche, 14.08-20.08




Ein Tag im Big Apple, 16.08.2006

Heute morgen stehe ich gegen halb neun auf (ich weiss, bin kein Frühaufsteher) und freue mich gleich schon unter der Dusche; am Wochenende hat es nämlich einmal gar kein Wasser gegeben und am nächsten Tag nur kaltes Wasser. Weil die Hälfte der Gruppe dem zukünftigen Labor etwa 20 Meilen nördlich einen Besuch abstattet und erst gegen Mittag zurückkehren wird verspüre ich auch keine Eile. Ich habe mir vorgenommen mir die Haare schneiden zu lassen, es tut nämlich not. Also, wenn ich Richtung Süden laufe komme ich zur Uni und da habe ich noch keinen Friseur gesehen, deshalb gehe ich in die andere Richtung, nach Harlem hinein. An der 125ten Strasse finde ich einen kleinen Friseurladen, "Unisex" steht 'dran, aeehh, das heisst dann wohl auch für mich, oder wie? Ich trete ein und finde erstmal niemanden, Türglocke oder sowas gibt es nicht. Ich warte eine Minute, dann laufe ich durch den Laden hindurch in einen kleinen Nebenraum. Hier begrüsst mich ein Friseur, der gerade den riesigen Afro eines jungen Mannes trimmt. Schon witzig, genau so hätte ich mir einen Friseurladen in Harlem vorgestellt. An der Wand hängt ein riesiges Bild von Tupac und einigen anderen Rappern die ich nicht erkenne. Ich frage, ob ich einen Termin brauche, er verneint und bedeutet mir zu warten.
Als ich an die Reihe komme will er wissen wie ich meine Haare geschnitten haben möchte, und ich sage, dass ich sie genau so haben will wie der vorherige Kunde mit dem Afro. Zuerst guckt er mich etwas entgeistert an, dann lacht er und sagt, dass es etwa drei Jahre dauern würde sich die Haare in diese Länge wachsen zu lassen. Ich frage noch nach Extensions, aber er hat in meiner Farbe wohl nix da. Er erkennt sofort, dass ich aus Deutschland komme und erzählt mir von einem seiner Kumpel den er vor kurzem in Hamburg besucht hat. Kleine Welt.Während er mir sehr sorgfältig die Haare schneidet kommt eine Frau mit vielen Einkaufstüten herein, die beiden unterhalten sich über Partys auf denen sie am Wochenende waren. Ich verstehe nur noch die Häflte,weil sie jetzt in ihren Slang verfallen aber es hat schon irgendwie Rhythmus, ich kann mir vorstellen warum die Kids es cool finden so zu reden. Er gärtnert nun schon ziemlich lange an meinem Kopf herum, die meiste Zeit hat er den Stuhl vom Spiegel weg gedreht, damit er sich besser unterhalten kann. Ich werde langsam panisch, und frage mich ob er überhaupt noch Haare übrig lässt. Aber als er dann fertig ist und mich doch nicht völlig kahl geschlagen hat bin ich erleichtert und gebe ordentlich Trinkgeld.

Hier standen einmal die Twin Towers.
Ground Zero.

Ich mache mich auf zur Columbia und schreibe an einem Programm weiter, dass ich am Vortag begonnen habe. Kurz vor mittag lese ich bei Spiegel Online ein Essay von Henryk M. Broder in dem er fordert endlich Schluss zu machen mit der Toleranz gegenüber dem Islam. Wie immer schreibt er sehr polemisch, scharfzüngig und gleichzeitig überzeugend, ich kann nicht anders als ihm in vielen Punkten beizupflichten.
Mittlerweile bin ich ziemlich hungrig und gehe runter an die Ecke 120te wo ein Afghane nebst Sohnemann jeden Tag mit seinem fahrbaren Grill anlegt. Fasziniert schaue ich zu wie die beiden dem Kundenandrag Herr werden und aus den kleinen Schubladen des Karren flink allerhand Speisen und Gewürze hervorholen und zubereiten. Besonders der jüngere der beiden, der mit seinem schwarzen Bart und weisser Kopfbedeckung seine Herkunft nicht verbirgt, zeichnet sich durch ein flottes Mundwerk und eine Gewitztheit im Umgang mit den Kunden aus, die man vor allem auf Basaren findet. Nun, jetzt denke ich mir, auch wenn Herr Broder meint, dass es jetzt an der Zeit ist allen Muslimen in den Hintern zu treten, also ..., ob es vielleicht möglich wäre die beiden auszulassen? Weil - also nicht, dass ich irgendwelche ethischen Bedenken hätte - aber die beiden machen einfach den besten Gyro&Rice in der Gegend, ehrlich. Ausserdem kann ich mir nicht vorstellen, dass in den kleinen Karren, der vollgestopf ist mit Falaffel, Kuskus und Pitas überhaupt noch irgendwelche Massenvernichtungswaffen reinpassen. Aber der CIA findet die ja überall, wenn es sein muss.
In New York hat man das Gefühl etwas näher am Weltgeschehen zu sein und die Vielfalt hier ist wirklich faszinierend. Vor diesem Hintergrund gewinnt der 11. September vielleicht noch ein wenig mehr an Tragik. Die Terroristen haben auf das Symbol der Macht und der Finanzwelt gezielt und getroffen. Aber gleichzeitg haben sie auch eine Stadt getroffen in der wie in keiner anderen kulturelle und etnische Vielfalt gelebt wird, mit allen Problemen die damit verbunden sein mögen. Am Wochenende stand ich noch am Ground Zero, ein Loch mitten in Manhattan. Nicht weiter beeindruckend. Aber in der kleinen St.Pauls Chapel daneben, da sind Bilder und Gegenstände ausgestellt, auch Dinge die aus der ganzen Welt gesendet wurden um den Rettungskräften Mut zu machen. Das ist beeindruckend.


St. Pauls Chapel.
Polzei- und Feuerwehrabzeichen aus aller Welt



Westerwald  vs.  Rest-der-Welt    2:1

Nun gut, genug politisiert. Heute war es soweit, endlich konnte ich selbst wieder mal gegen einen Ball treten. Zwar war die Halle im Fitness Center für irgendwelche Martial Arts Vorführungen reserviert, aber einer der wartenden Fussballer wusste von einer Truppe die abends an der 72ten im Riverside Park spielt, also nix wie hin. Gespielt wird auf einem sandigen Untergrund zwischen zwei Grünstreifen für Jogger nahe am Ufer. Nicht gerade optimal, aber mir ist alles lieber als Halle. Ein paar der Jungs sprechen spanisch, Engländer sind auch dabei. Einige können auch Fussball spielen und ich muss mich erstmal an ihre Art zu spielen gewöhnen. Na ja, um es kurz zu machen, ich mache das erste und das letzte Tor des Spiels und wir gewinnen 4:1. Hat Spass gemacht, und heute Nacht werde ich mit einem breiten Grinsen einschlafen.

Ach ja, ich habe noch versucht herauszufinden was Blutgrätsche auf englisch heisst, aber dafür gibt es kein Wort. Auch meinem schottischen Mitspieler fällt kein passender Ausdruck ein. Jetzt wird mir einiges klar: wie wollen die denn jemals Weltmeister werden (Wembley '66 gilt nicht, da sind wir uns wohl einig) wenn sie es nicht einmal fertig bringen die grundlegendsten Fussball-Vokabeln zu entwickeln? Dazu fällt mir nix mehr ein.


Zuletzt geändert am 27.08.2006 H. Kreckel