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The New York Experience: 7. Woche, 28.08-04.09




Wall Street und Financial District, 31.08.2006

Mittlerweile war ich schon gelegentlich im Financial District unterwegs, einmal absichtlich, weil ich mir den Tempel des Mammon angucken wollte und ein paarmal hat mich die U-Bahn dort ausgespuckt weil gerade eine Baustelle auf der Linie die Weiterfahrt verhindert. Am Wochenende ist die Wall Street nur von Touristen bevölkert, obwohl es sich um ein eher unansehnliches Stückchen New York handelt. Die Hochhäuser sind hier so eng gebaut, dass sie einen förmlich erdrücken, das ist untypisch für NY, und sogar der angrenzende Broadway verdient hier seinen Namen nicht. Dabei ist es dennoch nicht nur wirtschaftlich ein geschichtsträchtiger Ort, denn hier wurde am 30. April 1789 George Washington vereidigt als erster Präsident der Vereinigten Staaten.

George Washington guckt direkt drauf,
auf den New York Stock Exchange.


Damals war New York noch Hauptstadt der USA. Spitzfindig könnte man nun anmerken, dass sich der kapitalistische Grundzug der USA symbolisch dadurch ausdrückt, dass eben diese Stelle heute die weltgrösste Börse beherbergt. Weiterhin könnte man sich fragen - falls man böswillig sein möchte - ob der New York Stock Exchange nicht sowieso wichtiger für das Land ist als z.B. das Weisse Haus - falls man böswillig sein möchte; bin ich aber nicht. Also merke ich nur neutral an, dass der Sitz der Börse bescheiden hinter einer grossen Flagge verborgen ist. Ausserdem gibt es da noch den bronzenen Wall Street Bullen, der als Sinnbild für einen aufstrebenden Aktienmarkt steht, während man darauf verzichtet hat seinen Gegenpart, den Bären als Symbol für eine konjunkturelle Flaute zu verewigen.


OK, Kühe haben wir im Westerwald auch.
Got Balls?


Etwas seltsam mutet es heutzutage an - in einer Welt in der alle dem digitalen Wahnsinn erliegen - dass am New York Stock Exchange immer noch Händler mir Zetteln übers Parkett wimmeln. Alle anderen grossen Börsen verlassen sich längst auf die günstigere elektronische Variante, allerdings wird sich in den nächsten Monaten wohl auch hier einiges ändern, die Umstellung auf elektronischen Handel ist gerade im Gange, auch wenn man offiziell auf die Händler nicht völlig verzichten will. In finanziellen Angelegenheiten ist man hier oft erschreckend rückständig, ein vernünftiges Überweisungssytem für Privatkunden gibt es nicht. So muss man den Scheck über die monatliche Miete entweder per Post oder persönlich bei seinem Vermieter abliefern. Nun könnte man ja auch auf Bargeld umsteigen, aber weil der Dollar so einfach zu fälschen ist, akzeptieren die meisten Geschäfte höchstens 20$ Banknoten, und bei grösseren Beträgen läuft man unweigerlich mit einem fetten Geldbündel herum.


Wall Street: "Clothing Bargains for Millionaires",
Schnäppchen für Millionäre.
Auf der Brooklyn Bridge.


Nun gut, um einen Überblick über den Financial District zu kriegen, bin ich zu Fuss über die Brooklyn Bridge marschiert. Die Brooklyn Bridge ist die berühmteste der New Yorker Brücken und eine der ältesten Hängebrücken der Welt. Für Cineasten: das ist die Brücke in der Godzilla hängenbleibt und auf der die grosse Actionsequenz bei "Fantastic Four" spielt, um einen weiteren Klassiker der Filmgeschichte zu zitieren. Als die Brücke fertiggestellt wurde im Jahre 1883 hat man die skeptische Öffentlichtkeit von ihrer Stabilität überzeugen wollen indem man 21 Zirkuselefanten drübergescheucht hat, Tierversuche sozusagen. Heute wird die gleiche Brücke jeden Tag von 150.000 Autos überquert. Der Architekt des Bauwerks war der deutschstämmige John August Roebling, der sich aber kurz nach Beginn der Bauarbeiten einen Wundstarrkrampf einfing und verstarb. Sein Sohn führte das Projekt fort, wurde aber gesundheitlich so mitgenommen vom Aufenthalt in den Druckkammern die man verwendete um die riesigen Fundamente im Fluss zu legen, dass er bald ans Bett gefesselt war und den Fortgang per Teleskop von seinem Haus aus beobachten musste. Die eigentliche Bauleitung hatte längst seine Frau übernommen, so dass das Jahrhundertprojekt endgültig zum Familienbetrieb wurde. Insgesamt 14 Jahre dauerte es bis zur Fetigstellung. Heute wird die Brücke nicht nur von Autos genutzt, sondern viele Bewohner Brooklyns fahren täglich mit dem Fahrrad nach Manhattan 'rein, und Jogger gibt es auch so einige.


Dunkle Wolken über dem Financial District.
Blick von der Brooklyn Bridge auf Midtown Manhattan mit ESB (Mitte) und Chrysler Buidling (rechts).

Ausserdem sind viele Touristen unterwegs um - so wie ich auch - einen Blick auf die Silhouette der Insel zu erhaschen. Als die Twin Towers noch standen haben sie wohl die ganze Skyline dominiert, mittlerweile sticht kein Gebäude mehr wirklich hervor, dennoch ist die Ansammlung von Wolkenkratzern schon beeindruckend. In der Ferne kann man auch Miss Liberty sehen. Der habe ich noch keinen Besuch abgestattet, aber weil man heutzutage sowieso nicht mehr in die Statue rein darf, und Liberty Island sonst nicht viel zu bieten hat, werde ich da vermutlich auch nicht mehr hinfahren. Ich bin ihr aber schon recht nahe gekommen, dazu demnächst mehr.






Roadtrip durch New York State nach Kanada, 03.09.2006

In den letzten Tagen war richtig schlechtes Wetter in NYC, deshalb dachte ich mir, dass es nach über sechs Wochen Wochen vielleicht mal wieder an der Zeit wäre die Insel zu verlassen. Ausserdem ist Montag Tag der Arbeit (Labor day), da arbeitet niemand. Also habe ich kurz entschlossen ein Auto gemietet und bin Richtung Kanada gefahren um mir die Niagara Falls anzugucken und danach noch in Toronto einzukehren. Ähh, für Planung habe ich mir nicht viel Zeit genommen, vor Fahrtantritt kaufe ich mir noch schnell eine Karte uns stelle fest, dass ich die Fahrtzeit etwas unterschätzt habe. Sind dann doch etwa 650km bis Niagara und nochmal 150km bis Toronto.
Schlechtes Wetter, die
Spitze des ESB verschwindet in den Wolken.
Egal, Freitag nachmittag erstmal Mietwagen abholen. Ich habe wie immer den kleinsten Typ gebucht, Economy class 2türig, bekomme aber einen Pontiac V6 mit 224PS und Lederaustattung. Überrascht mich mittlerweile nicht mehr, passiert mir in den USA immer, kleiner haben die es halt nicht. Aber eines kann ich euch versichern, wenn ihr seit langer Zeit zum ersten mal wieder Automatik fahrt, wollt ihr das nicht mit einem solchen Schiff mitten in Manhattan üben. Im Gegensatz zum Rest der Vereinigten Staaten ist man hier im Strassenverkehr ganz und gar nicht entspannt, von den Taxifahrern ganz zu schweigen. Ausserdem ist die Polizei und Feuerwehr praktisch ständig mit Blaulicht im Einsatz. Als Fussgängr hat man sich daran gewöhnt, dass immer irgendwo eine Sirene läuft, aber im Auto mitten auf einer fünfspurigen Strasse macht einen so ein FDNY Löschzug der von hinten heran rauscht ganz schön nervös. Bin heilfroh als ich einen Parkplatz in der Nähe meiner Wohnung gefunden habe. Freitag abend gibt es noch einen Astrophysiker-Stammtisch, als komme ich am Samstag nicht ganz so früh 'raus wie ich mir vorgenommen habe. Nachdem ich noch etwas Verpflegung für unterwegs gekauft habe geht es ab über die Washington Bridge auf den Highway. Da geht es dann ruhiger zu, man darf ja nur 65 Meilen pro Stunde fahren, also nutzt mir der dicke Motor auch nix.
Nach ein paar Zwischenstopps komme ich abends auf dem Niagara Falls Boulevard an. Das ist eine sehr lange, breite, hübsch hässliche Strasse die zu den Wasserfällen führt. Gesäumt wird der Boulevard von schäbigen Motels der übelsten Sorte und haufenweise Fastfood Tempeln. Amerika von seiner schlimmsten Seite; ich frage mich ob ich nicht besser in NY geblieben wäre. Ich checke in meinem Super8-Motel ein und obwohl es schon dunkel ist entscheide mich doch noch schnell mal zu den Niagara Falls hinzufahren. Also nochmal ins Auto und 5 Meilen bis zum Niagara State Park. Auch hier wirkt es nicht gerade einladend, überall sogenannte "Information Center" der windigsten Art, die einem irgendwas verkaufen wollen neben grossen Fabrikhallen in denen Factory Outlets untergebracht sind. Erst kurz vor den Falls hört die Betonwüste auf und es gibt ein wenig Rasen. Ich gehe zu den American Falls, die sind nachts angeleuchtet, aber auch das wirkt auf mich sehr kitschig, vor allem mit den riesigen Spielcasinos im Hintergrund die auf der kanadischen Seite stehen. Wie ein Naturschutzgebiet sieht das hier nicht aus. Aber mal abwarten wie es bei Tageslicht wirkt. Schliesslich bin ich ja praktisch mitten in der Holzbachschlucht aufgewachsen, der bekanntermassen einzigen Basaltklamm der Welt. Eine solche Exklusivität können die Niagara Fälle natürlich nicht für sich geltend machen; aber als Westerwälder ist man ja grundsätzlich weltoffen und tolerant, also beschliesse ich den Wasserspielchen hier am Sonntag noch eine Chance zu geben.


Die "kleineren" American Falls,
oberhalb der Horseshoe Falls.


Niagara Falls: Feuchte Angelegenheit

Am nächsten Morgen mache ich mich auf ins Besucherzentrum und erwerbe gleich ein Rundumschlagticket für sämtliche Attraktionen inklusive Bootsfahrt und Tour unter die Bridal Falls. Bin schliesslich nicht zum Spass hier... Als erstes gehe ich auf den Observation Tower und gucke mich um. Die Niagara Falls stellen die Grenze zwischen USA und Kanada dar, von beiden Seiten werden sie heftigst touristisch verwertet, aber die Kanadier haben hier sogar noch brutaler zugeschlagen als die Amis, auf ihrer Seite stehen die übelsten Glücksspielhallen, Freefalltower und Bettenburgen. Dennoch, bei Tageslicht sehen die American Falls doch gleich viel gewaltiger aus. Von den riesigen, hufeisenförmigen Horseshoe Falls sieht man hier nur ein kleines Stück. Aber das ändert sich bald, denn mit dem Aufzug geht es runter ans Wasser und auf die "Maid of the Mist" mit der man mitten in die Horseshoe Falls hineingefahren wird. Um nicht völlig durchnässt zu werden bekommt jeder Passagier einen blauen Plastikponcho, so dass wir wie eine Internationale Schlumpf Convention aussehen. Das Schiff fährt langsam in die riesige Dunstglocke und das Tosen und die schieren Wasermassen die dort runterstürmen sind atemberaubend. Man kann sich gar nicht vorstellen wo soviel Wasser ständig herkommt, 2.5 Millionen Liter pro Sekunde. Dabei wird der grösste Teil schon für Stromversorgung abgezweigt, tatsächlich hat der Energiehunger nur einen Bruchteil der ursprünglichen Menge übrig gelassen.



Vorbereitung für die Bootstour: bunte Touris rein ins Zelt,
blaue Hutzelmänner 'raus aus dem Zelt ...
... blauer Hutzelmann.


Danach mache ich noch die "Caves of the wind Tour", dafür muss man ziemlich lange anstehen, aber dafür geht es zu Fuss ganz nahe an die Bridal Falls heran. Man bekommt eigens Wegwerfsandalen und einen neuen Poncho ausgehändigt, und ich halte das Getue für etwas übertrieben, ist schliesslich nur Wasser. Meine Meinung ändert sich allerdings als wir uns auf den Holzplanken dem Hurricane Deck nähern, hier ist man so nahe an den prasselnden Fluten, dass einem das Wasser wirklich überall hingetrieben wird. Ans Fotografieren ist gar nicht mehr zu denken, das ist eher wie Tauchen ohne die Luft anzuhalten. Für ältere Menschen und wackligere Kandidaten gibt es eigens eine Abkürzung um den "Hurricane" zu umgehen.




Auf dem Weg in die Horseshoe Falls ...
... in den Horseshoe Falls.




Maid of the Mist.
Auf dem Weg zum Hurricane Deck.



OK, das war dann doch noch ganz hübsch, hat mich wieder etwas mit den Niagara Fällen versöhnt, dürfen von mir aus weitermachen. Jetzt bin ich zwar etwas angefeuchtet, setze mich aber trotzdem sofort ins Auto und mache mich auf den Weg zur Grenze, bis abends will ich schliesslich in Toronto sein. Man hat mir gesagt, dass der Übergang nach Kanada kein Problem sei, die Kanadier sind schliesslich locker, aber für die Rückkehr in die USA solle ich besser alle meine Visa Unterlagen mitnehmen, ausserdem habe ich eine Bescheinigung der Universität, dass ich mir bisher nichts zu schulden habe kommen lassen, ist schon verrückt.

An der Grenze kommt es dann doch etwas anders als erwartet, das Mädel im Wachhäuschen sieht, dass ich ein Wisssenschaftsvisum habe und möchte meinen Studentenausweis sehen. Ich sage ihr, dass ich keinen habe, aber sie meint ich müsse einen haben, das sei schliesslich ein J-1 Visum. Ich erkläre ihr, dass mein letzter Studentenausweis vor sieben Jahren abgelaufen ist und wedle dafür mit meiner Columbia ID Karte. Sie will mich aber trotzdem nicht so einfach nach Kanada lassen und schickt mich zum Immigration Office. Da ist der ganze Spass aber nach fünf Minuten geklärt und ich bin auf dem Highway nach Toronto, mal gucken was es da so zu sehen gibt, jedenfalls habe ich erstmal genug Wasser gesehen.


Zuletzt geändert am 10.09.2006 H. Kreckel